Einige Schwierigkeiten beim Erlernen der Gälischen Sprache


Die wichtigsten Punkte sind:

1. Wortschatz: keine Gemeinsamkeiten mit der Deutschen Sprache
2. Die eigenartige Schreibweise
3. Die fremdartige Aussprache
4. Das Verbum kommt zuerst
5. Es gibt kein Wort für "haben"
6. Es gibt keine Wörter für "ja" oder "nein"
7. Das Verbum hat keine eigene Präsensform
8. Die Änderungen kommen fast alle am Anfang des Wortes
9. Die komplizierte Bildung des bestimmten Artikels
10. Das Fehlen eines unbestimmten Artikels
11. Die eigenartigen Strukturen für "können", "wissen" usw.
12. Das Zählen und Rechnen in Zwanziger-Einheiten
13. Kein sächliches Geschlecht (Neutrum)
14. Adjektive fast immer nach dem Substantiv
15. Eine reine Passivform
16. Der Vokativ: eine reine Anredeform
17. Seltsame Begriffsbildung: Nord und Süd ist gleich Links und Rechts, das Alphabet besteht aus Baumnamen, Onkel und Tante existieren nicht wie bei uns, die Farben sind anders
18. Zwei Formen des Verbums SEIN
19. Immerhin nur 11 unregelmäßige Verben
20. Die Pluralbildung


zu 1. Wortschatz: keine Gemeinsamkeiten mit der Deutschen Sprache
GRUND: Die Verwandtschaft der keltischen Sprachenfamilie mit der germanischen geht nur über die indoeuropäische "Ursprache"
HILFEN: Wer ein bißchen Latein gelernt hat, findet es manchmal leichter, z.B. creid (glauben) = Lat. credo (ich glaube), eaglais (Kirche) = Lat. ecclesia
Wenn man sich etwas mit der Geschichte der keltischen Sprachen beschäftigt, hat man es auch leichter (Verlust des indogermanischen P nach dem Muster: piscis - fish, Fisch - iasg und Verlust des internen -N-Lautes, z.B. mensa - month, Monat -mìos usw.)
zu 2. Die eigenartige Schreibweise
GRUND: Das gälische Alphabet hat nur 18 Buchstaben für mehr als 60 Laute (je nach Dialekt)
HILFEN: Man kann die Aspiration systematisch lernen, wenn man schrittweise vorgeht: zuerst die Konsonanten am Anfang, dann die Mittelposition, dann die am Schluß. Beispiel für b:   bha (war) - abhainn (Fluß) - craobh (Baum) usw.
zu 3. Die fremdartige Aussprache
GRUND: Russisch kling auch fremd, oder? (siehe 1. oben)
HILFEN: Viel hören und üben, z.B. Kassetten, Lieder von Runrig usw.
zu 4. Das Verbum kommt zuerst
GRUND: Die keltischen Sprachen entwickelten ihren Satzbau gemeinsam nach dem Schema VERB - SUBJEKT - OBJEKT (z.B. Chì Domhnall am piuhair aig am maireach: Wird-sehen Donald die Schwester seine den Morgigen = Morgen wird Donald seine Schwester sehen)
HILFE: Nach einer anfänglichen Umgewöhnungsphase wird es leichter
zu 5. Es gibt kein Wort für "haben"
GRUND: Das Germanische wie das Slawische entwickelte früh schon besondere Besitzfürwörter, während das Keltische mit Präpositionen arbeitete (zudem: Besitz wird anders verstanden)
HILFE: Im Deutschen schon vorher mit seltsamen Konstruktionen üben, wie z.B.: Ist Buch bei mir. nicht ist Buch bei mir. Wird-sein zwei Autos bei Frau zu-ihm. Ist eine Erkältung bei mir. Ist Liebe große zu dir bei mir (usw:!?) ...
zu 6. Es gibt keine Wörter für "ja" oder "nein"
GRUND: Man antwortet mit dem gleichen Verbum des Fragesatzes in bejahter oder verneinter Form.
HILFE: Man merkt sich, wie das im Deutschen klingen würde, z.B. Sahst du meine Frau in der Stadt? Sah. Wird-kommen dein Bruder? Nicht wird-kommen. Bist du müde? Bin. (usw.) ...
zu 7. Das Verbum hat keine eigene Präsensform
GRUND: Futur und Vergangenheit bilden sich von einem Stamm im Keltischen: da eine Gegenwartsbildung von jeher gefehlt hat, muß man sich mit SEIN + VERBALSUBSTANTIV aushelfen. Das heißt, man sagt Tha mi ag obair, "Ich bin am Arbeiten (bei der Arbeit)" anstelle von "Ich arbeite"
HILFE: Auch hier, sich gedanklich umstellen
zu 8. Die Änderungen kommen fast alle am Anfang des Wortes
GRUND: Die ursprüngliche indoeuropäische Betonung verschob sich in den keltischen Sprachen auf die erste Silbe (z.B. Lat. episcopus (Bischof) > easbuig: die Aspirierung oder Veränderung des ersten Konsonanten (um die es im Gälischen hauptsächlich geht) fing nach dem bestimmten Artikel an und dehnte sich durch die ganze grammatikalische Struktur (z.B. nach den meisten Präpositionen). Das heißt, die Aspirierung (mit Hauchlaut) hat immer eine Funktion.
HILFE: Wenn man sich durch die angänglich unmöglich aussehende Artikelbildung gekämpft hat, wird es leichter, wobei wir beim nächsten Punkt angekommen sind.
zu 9. Die komplizierte Bildung des bestimmten Artikels
GRUND: Beim Zerfall des alten sächlichen Geschlechts und nach der Vereinfachung der Fallbildung mußte die Sprache differenzierter arbeiten, um ein Wort mit Artikel von einem artikellosen Wort zu unterscheiden, und zwar quer durch alle Fälle, da ein nachfolgender Akjektiv nicht (wie im Germanischen) aushelfen kann. Kurz: männlich und weiblich, Singular und Plural (darum muß man das Geschlecht unbedingt wissen - a'bhord (der Tisch) ist weiblich/Nominativ, a bhard (des Dichters) ist männlich/Genitiv)
HILFE: Tabellarisch für sich aufschreiben und am Anfang einzeln durchgehen
zu 10. Das Fehlen eines unbestimmten Artikels
GRUND: Entwicklungsgeschichtlich. Griechisch hat nur einen bestimmten Artikel, während Latein, Altslavisch und Sanskrit weder einen bestimmten noch einen unbestimmten Artikel haben. Wenn ich im Lat. Puella nautam amat sage, kann es heißen: Ein Mädchen liebt einen Matrosen, Ein Mädchen liebt den Matrosen, Das Mädchen liebt einen Matrosen oder Das Mädchen liebt den Matrosen! Die Artikelbildung ist eine besondere Schwierigkeit in den Grammatiken der verschiedenen germanischen Sprachen.
HILFE: "Ein, eines, eine, einer usw." vergessen. Ohne Artikel übersetzen wir, als ob bei uns ein unbestimmter Artikel vorhanden wäre (meistens).
zu 11. Die eigenartigen Strukturen für "können", "wissen" usw. (sog. IDIOME)
GRUND (eigentlich nur eine Erklärung): Diese Formen sind in allen keltischen Sprachen typisch. Für uns bedeutet es eine seltsame Umschreibung. Beispiele sind:
Sie ist in ihrer Gesundheit, tha i na slàinte
Der Junge dem nahm ich das Buch, an gille a thug mi a leabhar
Was gleich daß bist du? cia mar a tha thu?
Ist Wissen bei mir, tha fìos agam
Ist Auto von mir, tha car uaim
Ist Wünschen bei mir daß schwimme ich tha miann/iarrtas dhobh a namh mi (ich würde gern schwimmen)
HILFE: MUSTER ich kann = ist Können bei mir / ich weiß = ist Wissen bei mir / mir fehlt = ist weg von mir / ich habe = ist bei mir, ist mit mir/ ich bin krank = ist Krankheit bei mir / ich liebe ihn sehr = ist Liebe groß bei mir zu ihm / ist Wünschen/Wollen bei mir, daß = ich möchte gerne, ich will
zu 12. Das Zählen und Rechnen in Zwanziger-Einheiten
Man nimmt an, die keltische Ursprache Galliens hat das Französische diesbezüglich beeinflußt:
soixante-dix (60 x 10) = 70
quatre-vingt (4 x 20) = 80
quatre-vingt-dix (4 x 20 + 10) =90
Vgl. das alte englische Score: three score ten (3 x 20 + 10 = 70). Die Germanen rechneten ursprünglich im Zwölfersystem, die romanischen Völker nach Zehnern.
zu 13. Kein sächliches Geschlecht (Neutrum)
Wie in den romanischen Sprachen. Keine Schwierigkeit an sich, nur anders. Lernen!
zu 14. Adjektive fast immer nach dem Substantiv
Hier wie z.B. im Französischen. Ausnahmen sind alt (sean), Jung (og), gut (deagh), schlecht (droch), fein (sar), blau (gorm) und manche anderen Farben
zu 15. Eine reine Passivform
Von der indoeuropäischen "Mutter" geerbt (wie im Lateinischen) und besser zu verwenden als mit Umbildungen wie bei uns. Togar a'chlach = Wird-gehoben-werden der Stein
HILFE: Grammatik zu Rate ziehen
zu 16. Der Vokativ: eine reine Anredeform
Nach einem wirklichen oder gedachten Partikal a (= Oh!) wird im Singular wo möglich aspiriert. Diese Form existiert im Lateinischen, Sanskrit, Griechischen und teilweise noch in den slawischen Sprachen (die auch eine i-Erweichung verwenden).
zu 17. Seltsame Begriffsbildung
Nord und Süd ist gleich Links und Rechts, das Alphabet besteht aus Baumnamen, Onkel und Tante existieren nicht wie bei uns, die Farben sind anders
HILFE: Hierzu muß man die Geschichte der HIMMELSRICHTUNGEN (Na h-àirdean) kennen, das alte Alphabet wird heute nicht mehr in Büchern verwendet, die Bildung von "Onkel" und "Tante" sind logisch (Mutter-Schwester usw.) und alle Sprachen verstehen ihre "Farben" anders (Inuit, eine Eskimosprache hat über 20 Wörter für "Schnee")
zu 18. Zwei Formen des Verbums SEIN
Wie im Spanischen - einmal für "jetziger Zustand, was gerade ist" und einmal für "immer sein, steter Zustand", zum Beispiel:
Tha mi bacach = ich bin zur Zeit lahm, ich hinke usw.
Is bacach mi = ich bin gehbehindert (und war es schon immer)
zu 19. Immerhin nur 11 unregelmäßige Verben
Einschließlich "Sein" sind es 11 unregelmäßige Verben; manche bilden jedoch ihr Verbalsubstantiv regelmäßig. Hier ist es wichtig, die Infinitivform zu merken.
Imperativ dt. Substantiv Infinitiv
abair sagen ràdh m. ag ràdh
beir tragen breith f. a'breith
beirsinn f. a'beirsinn
bìth sein bìth a'bhìth
cluinn hören cluintinn f. a'cluintinn
dèan tun, machen dèanamh m. a'dèanamh
faic sehen faicinn f. a'faicinn
faigh bekommen faighinn f. a'faighinn
faotainn f. a'faotainn
faghail f. a'faghail
rach gehen dol m. a'dol
ruig reichen ruigsinn f. a'ruigsinn
ruigheachd f. a'ruigheachd
thig kommen tighinn m. a'tighinn
thoir geben, bringen toirt f. a'toirt



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